Bürgermeister: „Wir müssen uns ehrlich machen“
Großprojekte in Marl: Kostenexplosion erwartet. Droht Abriss des Sitzungstraktes?

Bild: Bürgermeister Thomas Terhorst legte dem Stadtrat neue Erkenntnisse zu Großprojekten vor. Offene Fragen gibt es insbesondere bei Schulbauten und Rathaus. Auch die aktuelle Personalsituation der Verwaltung stand auf der Tagesordnung. Die Verwaltung präsentierte erste Lösungsansätze.
Marl. Höhere Kosten und Risiken bei zentralen Bauprojekten haben Bürgermeister Thomas Terhorst veranlasst, den Stadtrat zu einer Sondersitzung einzuberufen. Die neuen Zahlen und Fakten betreffen insbesondere Schulbauten, das Rathaus sowie weitere Großprojekte und dürften spürbare Auswirkungen auf die laufenden Haushaltsberatungen haben.
Terhorst begründete die außerordentliche Sitzung mit dem Anspruch auf größtmögliche Transparenz: „Wir müssen uns ehrlich machen. Transparenz schafft Vertrauen, Intransparenz schafft Gerüchte und Verunsicherung. Das können und dürfen wir uns einfach nicht leisten.“ Ein Abwarten bis zur nächsten regulären Ratssitzung sei aus seiner Sicht nicht verantwortbar gewesen. Für Marl stehe viel auf dem Spiel. Die Sondersitzung bezeichnete er als „Sitzung der Klarheit und Wahrheit“ – nicht als Zuspitzung, sondern als sachliche und vollständige Darstellung der tatsächlichen Lage, ohne Beschönigungen. Jetzt müssten „tragfähige Lösungen“ her.
Schulbauprojekte im Fokus
Beim Neubau der Goetheschule steigen die Kosten von ursprünglich 31,4 Millionen Euro auf rund 33 Millionen Euro. Zudem verzögert sich die Fertigstellung der Grundschule in Alt-Marl deutlich. Nach aktueller Prognose wird das Gebäude erst Ende 2026 oder im Frühjahr 2027 fertiggestellt. Der Schulbetrieb kann laut Stadt daher frühestens im Sommer 2027 beginnen. Als Ursachen nannte Terhorst mehrere Faktoren: nachträgliche Planungsänderungen, bauliche Verzögerungen infolge von Grundwasserproblemen, Mängel an Dacharbeiten sowie Zeitverzüge bei Ausbaugewerken und Außenanlagen. Die entsprechenden Risiken seien bereits seit Ende des vergangenen Jahres bekannt.
Noch größere Sorgen bereitet dem Bürgermeister die geplante Sanierung der Heinrich-Kielhorn-Schule. Die Kosten steigen hier von 26,2 auf 30,2 Millionen Euro. Der Baubeginn verschiebt sich von Januar auf Oktober 2026, an der geplanten Fertigstellung im Mai 2029 wird bislang festgehalten. Gründe sind unter anderem gestiegene Baupreise, zusätzliche Aufwendungen für Außenanlagen sowie veränderte Planungsgrundlagen. Besonders bedauerlich sei laut Terhorst der Wegfall von Fördermitteln in Höhe von 1,1 Millionen Euro. Diese hätten für die Sanierung von Dach und Fenstern der Förderschule genutzt werden können. Voraussetzung wäre jedoch gewesen, dass die Maßnahmen bereits umgesetzt worden wären. Es sei seit zwei Jahren klar gewesen, dass dies nicht mehr umsetzbar gewesen sei, betonte der Bürgermeister.
Verzögerungen bei Marschall 66
Auch beim Projekt Marschall 66 gibt es neue Entwicklungen. Die Kosten erhöhen sich leicht auf 22,8 Millionen Euro. Die Fertigstellung verschiebt sich auf Dezember dieses Jahres. Hauptursache sind PCB-Belastungen, die zeitweise zu Baustopps führten, sowie Mängel bei der Betoninstandsetzung. Diese Risiken sind laut Verwaltung seit September bekannt. Unklar bleibt zudem die Zukunft des geplanten Cafés. Ein gewerblicher Betrieb ist mit den Vorgaben der Städtebauförderung nicht vereinbar. Daher solle nun erneut das Gespräch mit dem Fördermittelgeber gesucht werden, so Terhorst. Als mögliche (Not-) Lösungen nannte der Bürgermeister einen Getränkeautomaten oder die Trägerschaft durch einen gemeinnützigen Verein.
Rathaus: Kosten, Risiken und statische Fragen
Ein weiteres Thema war auch die Sanierung des Rathauses. Die aktuelle Kostenprognose liegt bei rund 149 Millionen Euro. Der erste Bauabschnitt (Türme und Zentralgebäude) soll nun erst im August 2028 fertiggestellt werden, der zweite Bauabschnitt (Sitzungstrakt) im Oktober 2028. Darüber hinaus bestehen weiterhin erhebliche Risiken. Dazu zählen mögliche weitere Schadstofffunde sowie noch ausstehende statische Untersuchungen. Besonders kritisch ist nach Angaben der Verwaltung die Tragfähigkeit der Spannglieder im Bereich des Sitzungstraktes. Eine entsprechende Untersuchung ist bereits beauftragt. „Im schlimmsten Fall droht der Abriss“, so Terhorst.
Zudem ist das HoT Hülsberg in die Jahre gekommen. Am Gebäude besteht erheblicher Sanierungsbedarf. Unter anderem ist das Dach der WC-Anlage im Außenbereich eingestürzt und mit Asbest belastet. Elektroanlage und Gebäudesicherheit entsprechen nicht mehr den heutigen Anforderungen. Die Stadt schätzt die Kosten für eine Sanierung auf rund 3 Millionen Euro. Die Situation ist nach Angaben der Verwaltung seit Februar 2025 bekannt. Rat und Verwaltung müssen jetzt über das weitere Vorgehen entscheiden. Als mögliche Alternative steht ein Umzug des Jugendheims zur Martin-Luther-King-Schule (Kunterbuntes Chamäleon) im Raum. Auch eine neue Kita könnte auf dem HoT-Gelände entstehen.
Nächste Schritte: Priorisierung und neue Strukturen
Für die kommenden Monate kündigte Terhorst eine konsequente Priorisierung der Projekte an. Ziel sei es, alle Vorhaben auf eine realistische und belastbare Grundlage zu stellen. Dazu sollen zwei Projektmanager eingestellt werden, die als Stabsstelle direkt dem Bürgermeister zugeordnet sind. Zusätzlich soll ein „Chief Digital Officer“ die Optimierung von Prozessen und den gezielten Ausbau der Digitalisierung in der Verwaltung vorantreiben. Auch das Beteiligungsmanagement steht auf dem Prüfstand. „Veränderungen sind unser stetiger Begleiter“, so Terhorst.
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