Dank mit Blumen und Pralinen
Vest. Seit genau 89 Jahren gibt es in Deutschland den Muttertag, er ist zu einer festen Institution geworden. Die Idee, einen Feiertag zu Ehren der Mütter einzuführen, geht wohl auf die amerikanische Methodistenpredigertochter Ann Jarvis zurück, die seit 1907 für diese Idee warb. 1914 erklärte Präsident Wilson den Muttertag zu einem offiziellen Feiertag.
Das erste europäische Land, in dem die Muttertagsidee Fuß fassen konnte, war die Schweiz, wo die Heilsarmee für diesen Ehrentag geworben hatte. 1919 führte die Gattin eines Volksschuldirektors den Muttertag in Schweden ein. In Holland kam der Muttertag erst 1932 auf, in Italien konnte er bis in die Nachkriegszeit hinein gar nicht Fuß fassen.
In England ist es bereits seit dem 17. Jahrhundert üblich, dass ehemalige Gemeindemitglieder am Sonntag Lätare (der vierte Fastensonntag), dem sogenannten „A Mothering Sunday“, ihre Mutterkirche aufsuchten und auswärtswohnende Kinder dies zum Anlass nahmen, auch ihren Eltern einen Besuch abzustatten.
Der Siegeszug des Muttertages in Deutschland war in erster Linie auf die Aktivitäten der deutschen Muttertags-Bewegung zurückzuführen, die von Dr. Rudolf Knauer, dem Geschäftsführer des Verbandes Deutscher Blumengeschäftsinhaber, initiiert worden war. Die Geschäftswelt blieb aber nicht der einzige Träger der Idee. 1925 nahm sich die Arbeitsgemeinschaft für Volksgesundheit der Sache an. Ein Jahr später kam die Deutsche Gesellschaft für Bevölkerungspolitik hinzu.
Sowohl der Einzelhandel als auch verschiedene gesellschaftspolitische Gruppierungen sahen eine Möglichkeit, ihre Interessen mit einem richtigen Festtag zu verbinden. Woran den Geschäftsleuten gelegen war, liegt auf der Hand. Anderen Verfechtern der Muttertagsidee ging es darum, den drohenden Untergang des deutschen Volkes (als Folge von Sittenverfall und Geburtenrückgang) durch umfassende Volkserziehung und eine entsprechende Gesetzgebung aufzuhalten.
Muttertagsfeiern im Theater
Ein wichtiger Beitrag zur Etablierung des Muttertages waren die öffentlichen Muttertagsfeiern. In Münster lud beispielsweise der Reichsbund der Kinderreichen seit 1925 zu Muttertagsfeiern ins städtische Theater ein. Hier sollte den anwesenden Müttern „Hochachtung, Ehre und Preis“ zuteil werden. Es gab musikalische Darbietungen, Rezitationen, Ansprachen und die Aufführung eines Festspiels. Anschließend hieß es in der Zeitung: „Nach der Veranstaltung wurde den Müttern von der Stadt eine Ehrengabe überreicht (sieben Meter Hemdenstoff), die von einem Blumengeschenk der Vereinigung der Blumenhändler Münsters begleitet war.“
Das Bild der „deutschen Mutter“ war von nationalistischen Interessensverbände bereits in den zwanziger Jahren derart vereinnahmt worden war, dass es in der Zeit des Nationalsozialismus problemlos in die völkische Ideologie übernommen werden konnte.
Hier wurde er zum „völkischen Feier- und Gedenktag“ (Reichsinnenminister Frick) erhoben. Die Organisation und Durchführung des Muttertages lag beim Amt für Volkswohlfahrt und dem Amt der Frauenschaft in Verbindung mit dem Deutschen Frauenwerk.
Nach dem Zweiten Weltkrieg waren es vor allem die Blumenhändler, die sich um die Wiedereinführung des Muttertages bemühten. Auch das von Elly Heuss-Knapp gründete Müttergenesungswerk, das sich zum Ziel setzte, Mütter durch Erholungsmaßnahmen und Lebenshilfen zu unterstützen, machte sich die propagandistische Wirkung dieses Feiertages zunutze, indem am Muttertag öffentlich zu Spenden für das Müttergenesungswerk aufgerufen wurde.
1974 kam es zum ersten Mal zu einem Protest gegen den Muttertag, der sich jedoch schnell wieder legte. Der Umsatz von Blumen, Pralinen, Süßigkeiten oder Parfüm betrug bereits 700 Millionen Mark, was einer durchschnittlichen Ausgabe 24,90 DM pro Erwachsenem entsprach. Gleichzeitig gaben jedoch 42 Prozent an, nichts vom Muttertag zu halten.
Keine Kommentare
Leave a comment
Sie müssen eingeloggt sein um einen Kommentar zu hinterlassen.

