Plünderer fischten mit Handgranaten im Taubenteich

Sythen (rk). Haus Sythen, 21. März 1920: Otto Graf von Westerholt ruderte seinen Kahn eilig mit seinen beiden Töchtern und deren Hauslehrerin über den Taubenteich im Linnert. „Er brachte seine Begleiterinnen zum Forthaus Dernekamp zum Förster Hummelt, blieb zwei Tage und zwei Nächte im Linnert und flüchtete dann mit den dreien nach Dülmen zu Karl Rudolf Herzog von Croy, mit dem er befreundet war.“ Das schildert der Sythener Heimatforscher Walter Wübbe in seiner 58-seitigen Schrift „Plünderung auf Haus Sythen 1920“. Sie ist Teil der „Sythener Reihe“.

Was war damals geschehen? Nach dem sogenannten Kapp-Putsch im Frühjahr 1920 führte die Ausrufung des Generalstreiks gegen die Putschisten auch im Ruhrgebiet zu einer spontanen Formierung bewaffneter Arbeitereinheiten. Dabei kämpfte die über 50.000 Mann starke „Rote Ruhrarmee“ – größtenteils fronterfahrene Arbeiter des 1. Weltkrieges, getragen von der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) und der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) – gegen die Reichswehr und die Freikorps. Damals übernahm auch in Haltern ein „Vollzugsrat“ der Roten Armee das Kommando.

„Rund 150 deutsche Kommunisten, Idealisten und Schreier aus dem Ruhrgebiet drangen am 21. März 1920 auf Haus Sythen ein. Darunter waren auch einige als Rote-Kreuz-Schwestern verkleidete Prostituierte, die auch als ‚Kabol-Mäuschen’ bezeichnet wurden“, so Walter Wübbe.

Er hat unter anderem im Privatarchiv des Grafen von Westerholt recherchiert, zitiert aus den Tagebüchern des Kammerdieners Josef Mallmann und aus Briefen der Gräfin Bertha Maria von Westerholt.

„Von 1821 bis 1965 war das Haus Sythen im Besitz der Reichsgrafen von und zu Westerholt und Gysenberg. Im Volksmund ist vermutlich der Name ‚Schloss Sythen’ nach dem Umbau des Herrenhauses in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufgekommen und mittlerweile zu einem festen Begriff geworden, obwohl nur noch das restaurierte Torhaus und die Hauskapelle vorhanden sind“, so Walter Wübbe.

In den damaligen Schreckenstagen seien die Gräfin und der Kammerdiener mit einigen Getreuen auf Haus Sythen geblieben. „Die Plünderer haben dort bis zum 24. März wild gehaust. Sie fischten mit Handgranaten im Taubenteich und nahmen alle Wertgegenstände mit (Wert rund 1 Million Mark), schlugen die restliche Einrichtung kurz und klein, soffen den Alkohol weg, schlachteten das Hausvieh oder nahmen es mit. Es ist wirklich nichts mehr übriggeblieben. Dem Kammerdiener hat man mehrmals mit Erschießen gedroht.“ Einige Sythener seien noch zum Haus Sythen gekommen und hätten versucht, zu retten, was noch zu retten war. Die Rotarmisten zogen weiter nach Schermbeck.

Die Kleinschrift mit einer Reihe historischer gibt es in der Halterner Buchhandlung Kortenkamp oder in Sythen bei der Postagentur Großwiele erhältlich (fünf Euro).

Monday, 13. December 2010, 10:49 • Verfasst in Haltern

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