Hilfe, meine Stadt schrumpft!


Vest. Schulen werden geschlossen, Geschäftsstraßen veröden, Kulturangebote zusammengestrichen. Eine Region kennt nur noch ein Wort: Sparen. Und direkt dahinter wächst ein weiterer Begriff drohend in die Höhe: „Demographische Entwicklung“. Ist aber eine Stellschraube zu erkennen, mit der man auf die Entwicklung Einfluss nehmen kann? Bringen – beispielsweise – viele Arbeitsplätze auch viele Bürger in eine Stadt?

Ein Blick auf die frischen Daten der Einwohnerstatistik bringt überraschende Einblicke: Die großen Verlierer des letzten Jahres sind Dorsten und Recklinghausen mit Bevölkerungsverlusten von 0,85 und 0,84 Prozent. Es folgen Herten (0,78) und Marl (0,78). Dann mit weitem Abstand die Landgemeinden Datteln (0,26), Waltrop (0,23) und Haltern (0,18) – alle schon besser als der Landesschnitt von 0,3 Prozent. Völliger Ausreißer in der Statistik ist Oer-Erkenschwick mit einem Plus von 0,64 Prozent.

Die Menschen wollen in ihrer Stadt eine Zukunft sehen, sie wollen Arbeit haben. Deshalb brauchen die Städte dringend Arbeitsplätze, um nicht weiter zu schrumpfen. Diese Argumentationskette hört man in der Politik immer wieder. Die Statistik belegt sie nicht:

Ausgerechnet die Stadt mit dem höchsten Bevölkerungsschwund (Dorsten) hat aktuell die mit Abstand geringste Arbeitslosenzahl (8,9 Prozent). Zweitbester sind die wenig schrumpfenden Städte Datteln und Waltrop (10,2). An dritter Stelle liegt das ausblutende Recklinghausen mit 10,6 Prozent. Allerdings sind hierin die Zahlen von Haltern und Oer-Erkenschwick enthalten, beide Städte mit stabiler Einwohnerstatistik. Herten hat eine Arbeitslosenquote von 11,4 Prozent. Marl liegt mit 12,9 Prozent Arbeitslosenquote an letzter Stelle. Das ist ausgerechnet die Stadt, die mit dem arbeitsreichen Chemiepark fast alle Nachbarstädte mit Arbeitsplätzen mit versorgt.

Und welchen Einfluss hat die Steuer auf die Stadt und ihre Arbeitsplätze? Ausgerechnet Marl hat den höchsten Gewerbesteuersatz (480 Prozent) und liegt damit im Land NRW gleich hinter Bottrop (490) an der Spitze. Damit hat Marl die mit Abstand höchsten Steuereinnahmen im Kreis – und hat trotzdem Schulden von 450 Millionen Euro. Nur wenig günstiger ist Gewerbesteuer in Oer-Erkenschwick mit 470 Prozent. Am günstigsten liegt Herten mit nur 430 Prozent, gefolgt von Datteln (440 Prozent).

Die Steuerhöhe ist also nicht der entscheidende Faktor für das Wachstum einer Stadt. Die Zahl der Arbeitsplätze ist es auch nicht. Viele „Steuerungselemente“ haben die Politiker offenbar nicht in der Hand.

Vielleicht sollten sie mal darüber nachdenken, ob sie das stadtbezogene Konkurrenzdenken zu den Akten legen können.

Monday, 19. July 2010, 10:09 • Verfasst in Vest

Keine Kommentare


Leave a comment

Sie müssen eingeloggt sein um einen Kommentar zu hinterlassen.

Konnte keine Verbindung zur Datenbank herstellen