Vorlese-Oma Elisabeth wird gespannt erwartet
Recklinghausen (mc). Jeden Montag und Mittwoch macht sich Elisabeth Lackmann auf den Weg. Nach etwa 20 Minuten hat sie ihr Ziel erreicht: Auf einem messingfarbenen Schild steht "Betreutes Lernen" S. Cam in türkischer und deutscher Sprache. Drückt die 59-Jährige den Klingelknopf, tut sich etwas im Dachstuhl des Hauses. Etwa zehn Kinder im Alter von sechs bis zehn Jahren drücken sich an der Fensterscheibe die Nasen platt und winken Oma Elisabeth zu. Sie ist ihre ehrenamtliche Vorlesepatin und die Kleinen freuen sich auf eine Stunde Entspannung. Freundlich wird sie von Hausherr Senol Cam begrüßt und in die Dachkammer des Hauses geführt. Dort wartet schon ein Tisch, gedeckt mit Tee und Plätzchen und natürlich einem Buch. Gespannt warten die Jungs Kaan, Umut und Furkan sowie die Mädchen Beyza, Kübra, Selin, Ilayda, Yaren und Bükre auf die heutige Geschichte.
Kaum angekommen, beginnt Lackmann mit ihrer Vorlesung. Die Geschichte handelt von einem kleinen Jungen, der mit seiner Mutter widerwillig auf Shopping-Tour sein muss. Er lernt die Erzählerin kennen und erklärt ihr, dass das begehrte Kleid aussieht wie ein Nachthemd, klaut ihr die Stöckelschuhe und fragt sie, warum sie blutige Fußnägel habe. Die sind natürlich nur rot lackiert. Der Kleine nervt also Erzählerin und Mutter gleichermaßen.
Immer wieder fragt Lackmann nach, ob bestimmte Begriffe verstanden wurden oder ob die Kinder erzählen können, was gerade passiert ist. Dabei wird das pädagogische Konzept der Veranstaltung deutlich: Die Kinder sollen ihr Hörverständnis schulen. Für Furkan ist das spannendste an der Geschichte die blutigen Fußnägel und damit beginnt er dann auch seine Nacherzählung. Chronologie ist für die Drei-Käse-Hochs noch ein Fremdwort. Doch Ilayda weiß: "Die Geschichte haben wir schon einmal gelesen."
Die Vorlesestunde ist eingebettet in das "betreute Lernen" und soll nicht nur der Entspannung dienen. Dennoch schläft der vorwitzige Kaan mit den wachen Augen regelmäßig ein.
Senol Cam bietet bereits seit zehn Jahren Kindern und Jugendlichen bis zur 10. Klasse Hilfe beim Lernen an. Insgesamt betreut der Diplom-Ingenieur etwa 24 Kinder in der Woche. "Dabei ist das Erscheinen keine Pflicht. Wenn die Kinder meinen, sie beherrschen den Lernstoff, kommen sie nicht." Er ist der Meinung, dass Bildung der wichtigste Schlüssel ist, um Türen zu öffnen.
Nach einer Stunde klappt Elisabeth Lackmann das Buch zu - die Vorlesestunde ist zu Ende. Mit dem Gefühl einer guten Tat tritt sie jeden Montag und Mittwoch den Heimweg an.
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