Hertie-Schließung treibt Tränen in die Augen

Vest. Hertie Marl ist zu, Sinn Leffers in Recklinghausen ist dicht, Woolworth ist in Bedrängnis und die Zukunft von Acandor und somit Karstadt Recklinghausen ist ungewiss. Die Schreckensmeldungen nehmen kein Ende. Tausende von Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen haben Angst um ihre Stellen. Städte bangen um ihre Infrastruktur. Am 8. August schließt Hertie in Datteln endgültig seine Pforten.

Schon jetzt herrscht in dem einstigen Vorzeigekaufhaus gähnende Leere in den Regalen. Kunden, oft selbst von Arbeitslosigkeit bedroht, nutzen die letzten Schnäppchen, um sich überhaupt noch etwas leisten zu können. „Meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tun ihr Möglichstes, um den Ansturm an den Kassen zu bewältigen“, sagt Geschäftsführer Sven Haller. „Sie alle arbeiten bis zum bitteren Ende.“ Er ist einer von 35 Mitarbeitern, die ihren Arbeitsplatz verlieren. „Doch ich bin noch jung “, sagt der 28-jährige. „Viel mehr Sorgen machen ich mir um meine Mitarbeiterinnen. Viele von ihnen sind seit 30 und mehr Jahren im Unternehmen tätig und haben wenig Chancen auf dem heutigen Arbeitsmarkt.“

Luise Daube (58) ist seit 33 Jahren im Haus. Sie ist verzweifelt: „Für die Rente bin ich noch zu jung, für die meisten Arbeitgeber zu alt. Ich darf mir gar nicht ausmalen, nach einem Leben voller Arbeit Hartz IV–Empfängerin zu werden.“ Sigrid Birte (57) ist seit 42 Jahren im Unternehmen Kepa/Karstadt/Hertie, sie meint: „Ich bin vor wenigen Wochen 58 Jahre alt geworden und habe somit noch Glück im Unglück, denn so bekomme ich wenigsten noch 24 Monate Arbeitslosengeld. Eine neue Stelle bekomme ich wohl nicht mehr.“ Viele ihrer Kolleginnen sind um die 40, teilweise allein erziehend, auch sie haben kaum Hoffnung auf einen Vollzeitarbeitsplatz.

Betroffen sind aber auch die umliegenden Händler. Das Reisebüro Schlicht, im Hertie Haus gelegen, muss ebenfalls seine Türen schließen. Gegenüber liegt der Fotoshop von Christiane Suppa-Blohm. Sie sagt: „Meine Situation ist mehr als übel. Erst 2005 habe ich mein alteingessenes Geschäft von der Hohen Straße hierher verlegt, weil durch Hertie sehr viel Laufkundschaft vorhanden war. Kunden werden sich in diesem Bereich wohl nur noch an Markttagen aufhalten.“ Die Geschäftsinhaberin appelliert dringend an die Stadt Datteln sich für ein neues Konzept im Hertie-Haus einzusetzen, sei es in Form eines neuen Großinvestoren oder mehrerer kleinerer Geschäfte. „Ich befürchte einen rasanten Umsatzeinbruch, den ich höchsten bis Ende des Jahres überbrücken kann“, klagt die 48-jährige Geschäftsfrau.

Schockiert sind auch die Kunden. Der Dattelner Wolfgang Höhn bringt es auf den Punk: „Wenn Hertie die Türen dicht man, herrscht hier überall nur noch tote Hose. Schon jetzt gibt es viele Leerstände. Viele Kunden fahren da lieber nach Dortmund oder in andere größere Städte zum Einkaufen.“ Einige Dattelner Bürger sind der Meinung: „Wenn Hertie stirbt, stirbt auch die Stadt.“

Saturday, 1. August 2009, 13:54 • Verfasst in Vest

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